Winternovellen (Leinen)

Reihe 1 12
ISBN/EAN: 9783944122151
Sprache: Deutsch
Umfang: 190 S.
Format (T/L/B): 2 x 20.5 x 12.5 cm
Einband: Leinen
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In drei Novellen beleuchtet Ingvild H. Rishøi die Gefühle von Menschen, die ihren Weg in einer Welt von Armut, Unsicherheit und Einsamkeit suchen. Moderne Märchen für jede Jahreszeit. 1 Wir können nicht allen helfen Die kleine Tochter bittet ihre Mutter, einem Bettler zu helfen. Aber die weiß nicht einmal, wie sie den Bus nach Hause oder Wäsche für ihr Kind bezahlen soll. Ein Strudel von Wahrheiten und Ängsten, während die Verantwortung für die eigene Tochter erdrückend zu werden scheint. 2 Der richtige Thomas Thomas wird aus dem Gefängnis entlassen, am Abend soll sein Sohn zu Besuch kommen. Aber Thomas scheitert bereits daran, ein Kissen für ihn zu kaufen. Die Konfrontation mit den Erwartungen an sich selbst und den Vorurteilen der Außenwelt wird ihm fast zum Verhängnis. Und doch gibt es immer die Möglichkeit, sein Leben zu ändern. 3 Geschwister Drei Geschwister, siebzehn, sieben und vier, auf der Flucht, geraten in einer Schneelandschaft in eine immer aussichtslosere Situation. Geht es um eine Mädchenfreundschaft, die den Verlust der heilen Familie kompensiert und gleichzeitig motivierend und zerstörend wirkt? Um eine große Schwester, die nach dem Tod des Vaters die Familie zusammenhält? Oder ist vielmehr sie die Bedrohung für die Familie? Verschwimmende Grenzen in einer alles andere als (ge-fühls)kalten Winterwelt. Die Direktheit der Sprache Rishøis spiegelt die Verzweiflung und Unsicherheit der Figuren in einer rauen Umgebung, die aber immer auch einen Hoffnungsschimmer zulässt. Themen wie Existenzangst, Verantwortung und menschliche Ausnahmezustände werden in den drei Novellen so gekonnt miteinander verbunden, dass sie die Verletzlichkeit der Gegenwartsgesellschaft eindrücklich wie wenige Erzählungen erfassen.
Geboren 1978 in Oslo. Norwegische Autorin von Erzählungen und Kinderbüchern. Ihre Kurzgeschichtensammlung »Winternovellen« (norw. »Vinternoveller«) gewann in Norwegen 2015 den Buchblogger-Preis, 2014 den Kritikerpreis für das beste Buch des Jahres insgesamt und dazu den Brage-Preis für den besten Erzählungen-Band. Auch für ihre Bilderbücher wurde Rishøi bereits mehrfach ausgezeichnet.
Wir können nicht allen helfen Als wir nach Linderud kommen, macht Alexa sich in die Hose. Wir wollten ja alles bis nach Hause gehen und sie war einverstanden, es habe doch keinen Sinn, bei fünf Stationen Geld für den Bus auszugeben. Aber jetzt sind wir gerade einmal beim Einkaufszentrum vorbei, wir haben noch mehr als die Hälfte des Weges vor uns. Ich habe gefragt, ob es in Ordnung sei zu gehen. Und sie kletterte an der Kindergartentür hoch und sagte: 'Na klar, Mama.' Jetzt sagt sie nichts mehr, aber sie beginnt breitbeinig zu gehen, und ich weiß, sie friert. Es ist Dezember. Ihr Reflektoranhänger, ein Bär, baumelt an ihrer wattierten Jacke. Sechzig minus fünfundvierzig ist fünfzehn. Ich habe noch fünfzehn Kronen übrig. Aber ich kann nicht schwarzfahren, nicht mit ihr, denn sie sieht alles, was ich mache, sie beobachtet mich die ganze Zeit, und wenn ich hinten einsteigen will, baut sie sich plötzlich beim Automaten vor mir auf und sagt: 'Haben wir einen Fahrschein, Mama?' Und die Häuserblocks glitzern, und Alexa watschelt, und die Autos dröhnen, und die Laternenmasten sind vollgekritzelt mit Graffitis, ich weiß noch, wie Alexa meinen Namen so hinten an die Sporthalle gemalt hat. Ich sage nichts dazu, dass sie sich in die Hose gemacht hat, aber ich weiß, dass sie zu Hause sofort ins Bad läuft und die Tür zuschließt, und nach ein paar Tagen finde ich ihre Unterhose, zusammengerollt, ganz unten im Wäschekorb. So ist sie, so läuft das, so ist sie. Aber ich halte es nicht aus, sie so watscheln zu sehen. 'Wir können den Bus nehmen', sage ich. Sie blickt auf. 'Ja', sagt sie. 'Das ist vielleicht besser.' Wir drehen um. Das Einkaufszentrum leuchtet. Sie haben es rundherum mit Lichterketten aufgeputzt, es soll aussehen wie ein Geschenk. Da nimmt Alexa meine Hand und bleibt stehen. Ein junger Typ steht vor uns. Er lächelt, er ist wahrscheinlich so alt wie ich, er ist hübsch. Er hält einen Pappbecher in der Hand. 'Könnt ihr mir mit ein bisschen Kleingeld aushelfen?', fragt er. Seine Finger sind geschwollen. Alexa drückt fest meine Hand. Ihr tun immer alle so leid, viel zu sehr, wie bei dem Irrsinn mit den Puppen. Sie ist richtig besessen davon, alle müssen die Decke bis zum Kinn gezogen haben, dann liegen sie da am Fußende des Bettes und jede Nacht setzt sie sich zwanzig Mal auf, um nachzusehen, dass sie auch ja alle gleich behandelt. Sie muss anders werden. Sie muss mehr wie ich werden. 'Leider nicht', sage ich und gehe weiter. Seine Jogginghose ist unten dreckig, und ich schaue auf Alexas Beine, sie bewegt sich so steif und eigenartig. So läuft das. So läuft das, ich erinnere mich an alle diese Mädchen, keine Aufzeichnungen im Zykluskalender, keine Pille danach in der Geldbörse, so kann's gehen, wenn man nicht ist wie sie. Dort drüben ist die Bushaltestelle. Wir haben sicher noch etwas im Tiefkühler, wir kommen sicher klar, so kann sie doch nicht nach Hause gehen. Jetzt blickt sie auf. 'Mama', sagt sie. 'Warum?' 'Warum was?', sage ich. Sie neigt dazu zu denken, dass ich in ihrem Kopf bin. Wir stellen uns zur Bushaltestelle. Ich schaue zur Ecke hin, da kommt kein Bus. Jetzt ist das Pipi sicher eiskalt. 'Warum nicht?', fragt sie.