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Haus, Friedens, Bruch

Auch erhältlich als:
Bibliografische Daten
ISBN/EAN: 9783442469802
Sprache: Deutsch
Umfang: 253 S.
Format (T/L/B): 1.9 x 18.7 x 11.8 cm
Einband: kartoniertes Buch

Beschreibung

Gnadenlos, messerscharf, bitterböse! "Alle Welt schreibt einen Krimi. Sogenannte literarische Krimis, versteht sich. Aber ich werde keinen Krimi schreiben. Ich habe nun wirklich andere Probleme." Aus der Sicht einer Schriftstellerin erzählt Margit Schreiner vom ganz normalen Chaos des unerbittlichen Alltags und von den kleinen und großen Problemen, die jeden gnadenlos in Beschlag nehmen. Ob es um die chronische Schreibblockade geht, den pubertierenden Teenager im Haus oder um die wieder einmal nicht funktionierenden Haushaltsgeräte. Unverblümt rechnet sie mit allem ab und spricht uns allen damit tief aus der Seele .

Leseprobe

An einem Mittwoch ist er geliefert worden. Bruno war wieder einmal nicht zu Hause. Schröder II und Haslinger haben ihn gebracht. Er muss sehr schwer gewesen sein. Die Kerle, die ihn brachten, sind ja kräftig. Und es dauert bis in den letzten Stock. Aber selbst Schröder II und Haslinger waren verschwitzt, als sie im vierten Stock bei mir angekommen waren. Ich schätze, er wiegt hundertfünfzig Kilo. Mindestens! Und wir haben keinen Lift. (Schröder II ist eigentlich ein Spitzname, den ihm der Haslinger gegeben hat. Weil der angeblich dem ehemaligen deutschen Bundeskanzler so ähnlich sieht. Er heißt eigentlich Maximilian Schuster, und ich finde, er sieht viel besser aus als der ehemalige Bundeskanzler.) Ich kochte für alle Kaffee. Kuchen hatte ich noch vom Vortag. Schröder ii trank drei Tassen von meinem starken italienischen Espresso. Hasi (so nennt Schröder II den Haslinger aus Rache für seinen Spitznamen) trank keinen Kaffee, wegen seines Bluthochdrucks. Stattdessen aß er den ganzen Kuchen auf. Obwohl er garantiert nicht nur einen zu hohen Blutdruck, sondern auch einen zu hohen Cholesterinspiegel hat. Sie erzählten mir dann, dass sie vor Jahren nach einer Wette einen ihrer Freunde, einen Schwergewichtsboxer, von der Boxhalle in Ebelsberg bis nach Kleinmünchen getragen hätten. Im Triumph. Aber der Boxer sei immer noch leichter gewesen als mein Cumulus. Es kommt jetzt natürlich darauf an, dass ich ihn gut bei uns integriere. Ich meine, die Wohnung hat nur eine begrenzte Zimmeranzahl. Und ich will ihn nicht bei meiner Tochter oben unterbringen. Allein wegen des Lärms in der Nacht. Die Zimmerwände im ersten Stock sind alle dünn und dementsprechend lärmdurchlässig. Julia sagt, wenn sich im Gästezimmer jemand im Bett umdreht, wacht sie schon auf. Darum schlafe ich ein Stockwerk tiefer, in der Abstellkammer. Es hilft nichts, er muss bei mir unten bleiben. In der Nacht kommt er in Wellen, die werden höher und höher, schließlich krallt er sich fest in meinem Magen, bis der sich umstülpt. Dieser Schmerz ist zum Erbrechen, zum Sich-Krümmen, zum Heulen. Ich habe schon begonnen, mit mir selbst zu reden. Ich habe zu mir gesagt: Hör auf zu heulen, davon wird es auch nicht besser. Pass lieber tagsüber auf, was du zu dir nimmst und was nicht, sage ich nachts zu mir. Du darfst keinesfalls nach fünf Uhr abends essen. Du darfst auch keine Süßigkeiten naschen, sage ich zu mir selbst, das verträgst du nicht. Wer so viele Süßigkeiten isst wie du, ist selber schuld. Du solltest auch keine Essigwürste essen oder Schmalzbrote. Und keinesfalls Fertigprodukte. Reiß dich zusammen, sage ich zu mir, denn du weißt, dass du den Schmerz hinnehmen musst, wenn er kommt. So wie alles andere im Leben auch, das du nicht ändern kannst. Die Wahlen in Österreich, den Absatz deiner Bücher, das Schicksal deiner Tochter, die Grippe. Du weißt, dass du nicht allmächtig bist und die Welt nicht so erschaffen kannst, wie es dir passt. Du weißt, dass es Dinge gibt, die du nicht beeinflussen kannst. Du bist nicht Gott, sage ich in jenen Nächten zu mir. Aber dann schnürt es mir weiter die Kehle und den Magen zu. Ich kann nichts dagegen tun. Wenn die Angst kommt, alles könnte mir entgleiten, oder mein Kind könnte unglücklich werden oder krank, oder ich könnte krank werden und der kranke Körper die Oberhand bekommen über mein Leben und mich aus der Bahn werfen, dann bin ich ein entmachteter Gott. Wenn ich krank bin, verdiene ich kein Geld. Allein bei dem Gedanken überfällt mich die Panik. Sie kommt in vielen Gestalten. Sie kommt als Schlaflosigkeit und sie kommt als Schweißausbruch. Manchmal kommt sie als Albtraum. Dann wieder als Hustenanfall, als Atemnot, als Zittern am ganzen Leib. Sie kommt als Blutleere und Blutfülle, als Brennen im Hals und manchmal am ganzen Körper. Sie kommt als Zucken in den Beinen, als Brechreiz, als Durchfall, als Starre. Ich sage zu mir: Der Schweißausbruch geht vorbei, du musst dich nur wieder beruhigen, der Albtraum ist nur ein Traum. Ich huste un